Pssst! oder Bibliotheksgeflüster

26.10.2010, ca 15 Uhr

Ich sitze gern in der Bibliothek. Es ist ruhig, die Leute stören einen nicht, und im Gegensatz zur Caféte ist man nicht verpflichtet, sich mit allen zu unterhalten.
Der Regen umarmt das Gebäude. Seine Tropfen beschlagen die Fenster. Das Ruhrtal ist irgendwo in der Nebelsuppe da draußen verschwunden.
So leise wie möglich räume ich meine Stifte aus dem Etui und hefte meine Zettel aus.

Der Student vor mir bootet seinen Laptop auf voller Lautstärke. Ahhh …. Das Windows-Betriebssystem! Es klingt fast ein bisschen wie Kino. Sein Desktop schmückt ein Foto von Frau und Kind. Er schlürft Tee oder Kaffe, man kann es nicht sehen, nur hören. Der Klingelton seines Handys ist nichts besonderes, aber dafür ganz schön laut.

Ich schleiche mich davon, um meinen Stift anzuspitzen.

Zwei Plätze weiter sitzt ein Mitt-Vierziger mit graumeliertem Haar. Er trägt eine schlecht sitzende Lederhose, die er sehr modebewusst mit einem roten Wollpullover und rot-weiß kariertem Hemd kombiniert hat. Die Karos des Hemdes sind so klein, dass das ganze Teil aussieht wie rosa. Passt super zum Wollpullover.
Er seufzt, ächzt und stöhnt in einer Tour. Vorsichtig schiele ich auf den Bücherstapel, den er vor sich aufgetürmt hat, um zu sehen, worüber er wohl schreibt.
Aha. Jesus von Nazareth.
Na, wahrscheinlich über die Kreuzigung.

Das Handy meines Vordermanns legt zum zweiten Mal los.

Der Mittvierziger klappt die hebräische Bibel zu, in der er gerade gelesen hat. Der Abschnitt war offensichtlich erschütternd, denn zu dem Seufzen und Ächzen gesellen sich jetzt noch »Mhm-mhm…!« und »Ach ja!«.
Als er seinen Stuhl zurückschiebt, kreischt dieser protestierend auf.
Der Student tigert jetzt zwischen den Regalreihen herum und knetet dabei seine Hände. Der Stuhl bleibt, wo er ist.

Mit einem neuen Wörterbuch kehrt der Student an den Tisch zurück. Schon bevor er es aufgeschlagen hat, beginnt er wieder seufzen.

Der Student vor mir schlürft Tee oder Kaffee und hackt auf die Tastatur ein. Sein Handy piept jetzt hysterisch, weil es sich so über die eingegangene SMS freut.

Ich lege den Kopf auf die Tischplatte.
Ich mag die Bibliothek. Hier ist es so schön ruhig.

Eine Antwort zu “Pssst! oder Bibliotheksgeflüster

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