Schreibtisch aufräumen

»Gib mir das!«, sage ich, »gib das sofort her!«

Der kleine Schweinehund schüttelt stumm den Kopf. Verzweifelt umklammert er ein dickes Wörterbuch.

Ich verdrehe entnervt die Augen. Ich räume den Schreibtisch auf. Morgen fange ich mit meiner Hausarbeit an.
»Wir machen jetzt kein Englisch!«, sage ich, »Die Texte sind alle auf deutsch. Gib mir das!«
»A-aber …«, quiekt er verzweifelt. Seine Augen schwimmen in Tränen und sind tellergroß, »a-aber vielleicht ist ja einer der zusätzlichen Texte auf Englisch. Und-und dann brauchen wir das doch! Wenn da doofe Vokabeln drin sind!«
Er drückt das Wörterbuch an sich, als sei es sein liebster Schatz.

Ich seufze.
Es ist kein guter Tag für ihn. Er konnte mich nicht davon abhalten, geschätzte drei Tonnen Altpapier wegzuschmeißen; von der Diskussion um die bunten, aber total zerknitterten Post-its will ich gar nicht erst anfangen.

 Gerade habe ich ihn dabei erwischt, wie er die ganzen alten Kulis, die ohnehin nicht mehr schreiben, in eine meiner kleinen Boxen aus meinem Regal packen wollte.

»Man kann neue Minen dafür kaufen!«, protestierte er entrüstet, während ich ohne weiteren Kommentar die fünfzig kaputten Stifte in meine Mülltüte katapultierte, »man soll die nicht wegwerfen, das ist schlecht für die Umwelt! Man kann die bestimmt noch gebrauchen!«
»Is’ klar«, sagte ich und knüpfte den Müllsack zu, »und wie lange genau liegen die Stifte schon hier? Die Umwelt wird nicht davon besser, dass ich hier Müllberge horte. Ich werde sowieso keine neuen Minen für einen davon mehr kaufen. Die Kulis kommen weg.«

Nun ist er bockig. Das wird ein harter Kampf.
»Mein lieber kleiner Freund«, sage ich langsam und deutlich, »du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich erst merke, dass das ein englischer Text ist, wenn ich eine Vokabel im Text nicht kapiere, oder?«
»Ja, aber … Dann musst du doch aufstehen!«, sagt er und ich sehe ihn zweifelnd an. Ermutigt durch die Tatsache, dass ich ihm nicht sofort widerspreche, redet er eifrig weiter: »… und dann musst du aufstehen und erstmal das Buch suchen – und bis du dich dann wieder hingesetzt und die richtige Stelle gefunden hast, bist du doch total raus!«

Er strahlt übers ganze Gesicht und hält mir aufmunternd das Wörterbuch hin.
Wortlos nehme ich es und trag es ins nächste Zimmer.

 Als er gerade sein Protestgeheul anstimmen will, drehe ich mich zu ihm um.
»Du hast sie ja wohl nicht alle. Wir wohnen auf dreißig Quadratmetern, da werde ich ja wohl rechtzeitig am Lexikon sein!«
Damit wandert das Buch ins Regal. Er schmollt jetzt, aber ich bin zufrieden.

Der Schreibtisch ist aufgeräumt. Und morgen fange ich an.

Eine Antwort zu “Schreibtisch aufräumen

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