17 Jahre ich

Als ich vor zwei, drei Wochen wieder damit begann, richtig viel zu schreiben, kam es einem kleinen Schock gleich, als ich begriff, dass ich seit 17 Jahren Tagebuch schreibe.

Natürlich weiß ich, wie viele Notizbücher ich mittlerweile gefüllt habe, ich sehe auch, dass der dafür vorgesehene Platz schon länger nicht mehr reicht, und letztes Jahr nahm ich mir einen Nachmittag Zeit, um sie alle durchzunummerieren und die Daten auf das Vorsatzblatt zu schreiben (also „geführt von – bis“) – aber irgendwie habe ich nie realisiert, dass es schon 17 Jahre sind.

  Ich bekam mein erstes Tagebuch zu meinem zehnten Geburtstag von meiner Tante geschenkt. Ich weiß noch, dass ich zuerst überhaupt nicht wusste, was ich damit anfangen sollte, denn ich fand, es sei noch ein bisschen früh … Aber dann setzte ich mich am nächsten Tag doch für meinen ersten Eintrag hin.

Seitdem habe ich immer geschrieben, mal mehr, mal weniger. Es gibt drei Tagebücher, die ich nicht vollständig gefüllt habe, aber der Rest ist schlicht voll – seitenweise Wörter, Sätze, Gedanken, Beschreibungen, Aufreger, Liebesgeschichten, Träume … Seitenweise ICH. Zum ersten Mal sah ich bewusst während meines zweiten Schulpraktikums wieder bestimmte Tagebücher durch – ich unterrichtete in fünften und einer achten Klasse und wollte wissen, was ich in dieser Zeit gefühlt und gedacht hatte.

Mittlerweile ist die seltsame Scham verflogen, die sich oft beim Lesen bestimmter Tagebucheinträge oft einstellt … Eine Kommilitonin beschrieb das einmal grinsend so: „… du kannst diese Teenie-Einträge ja eigentlich immer nur mit einem Auge lesen, weil das so peinlich ist, dass du eigentlich gar nicht mehr hingucken kannst … Aber weggucken kannste eben auch nicht. Und es ist gleichzeitig traurig, aber auch wahnsinnig witzig.“
Und ja, das ist bei mir auch so. Als ich vorletzte Woche einige frühe Tagebücher durchlas, hätte ich mein jüngeres Ich manchmal gerne ganz fest in den Arm genommen, um ihr zu sagen: „Das bleibt nicht so. Mach dir keine Sorgen. Ich liebe dich und das wird alles ganz toll.“ Bei anderen Einträgen habe ich dann wieder Tränen gelacht.

2008 und 2012 sind noch zwei andere Tagebucharten dazugekommen (wenn man das Tagebuch nennen will) und auf dem oberen Foto sind sie alle aufgeführt. Das unterste Buch ist jeweils das erste, das oberste das aktuelle, das noch in Gebrauch ist (bei den kleinen Heften vorn ist es das ganz rechts). Hinten links sind alle meine Tagebücher aufgestapelt, hinten rechts stapeln sich meine Morgenseitenbücher, die ich seit 2008 schreibe. Vorn links liegen meine Gebetbücher, weil ich seit 2012 meine Gebete aufschreibe. Vorn rechts liegt ein Notizbuch, dass mir mein Vater geschenkt hat, bevor ich 2008 für sechs Wochen nach England ging und dass ich auch anschließend immer in der Tasche hatte, um überall schreiben zu können (es gibt noch zwei weitere, die ich bei diesem Bild vergessen habe).

Das hier sind leere Notizbücher, bei denen ich mir noch nicht sicher bin, für was ich sie benutzen werde … Das mittlere wird höchstwahrscheinlich mein nächstes Tagebuch, wenn das aktuelle voll ist; das kleine Heft unten wird das nächste Buch für meine Gebete.

In letzter Zeit frage ich mich oft, was mit meinen Tagebüchern passieren wird, wenn ich gegangen bin und diese Welt verlassen habe. Wird irgendjemand sie lesen wollen? Werde ich irgendetwas geschafft haben, dass jemanden dazu bringt, sie zu veröffentlichen (oi wei …)? Werden meine Kinder (so ich welche habe) sie behalten oder sie verbrennen oder ins Altpapier schmeißen? Es ist ein seltsames Gefühl, diesen Stapel Bücher anzusehen und zu denken, dass sie mich vielleicht überdauern. Dass dies das ist, was von mir noch hier sein wird, wenn ich nicht mehr da bin.

Und hinter allem  steht die Frage: Schreibe ich, um nicht zu vergessen? Oder um nicht vergessen zu werden? Und um zu beweisen, dass ich auch einmal gelebt habe – gelebt und geträumt und gelacht und geweint und mir Gedanken über all das hier gemacht habe?

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